Zum Inhalt springen

Ein Start mit einem Tabuthema, ist ein guter Start

Die letzten Wochen zeigten mir wieder mal mehr auf, als ich sehen wollte. Ich kann nicht wirklich sagen, dass ich dafür dankbar bin, denn letztlich sind es Dinge, die ich weiß, doch nicht immer sehen möchte. Denn es kommt dann ein Weltschmerz in mir hoch, dass ich die Veränderung, die ich mir für unsere Gesellschaft wünsche, nicht erleben werde. Nein, ich bin nicht krank, doch unsere Gesellschaft ist es. Die Heilung ist ein Prozess und der kann erst stattfinden, wenn die Menschheit bereit ist, die Wunde anzusehen und zu pflegen.

Der Suizid von tWitch berüht mich

Mitte Dezember erfuhr ich,  dass sich Stephen „tWitch“ Boss suizidiert hat. Ich „kenne“ ihn nur von Leinwänden (TV, Kino) und Shows, doch seine Leidenschaft für den Tanz hat mich berührt und ich freute mich sehr, dass ich ihn damals bei SYTYCD (so you think you can dance) erlebt hatte und er mir im Netz oder TV immer wieder über die Bildfläche tanzte. Sein Suizid bzw. der Umgang unserer Gesellschaft damit hat mich wahnsinnig wütend gemacht. Ich wartete, ob ich auch noch im neuen Jahr das Bedürfnis habe, dazu etwas zu sagen. Doch ich bin einfach ich und bleibe mir und meinen Werten treu und dazu gehört es auch, Tabuthemen zu benennen.

Suizid gibt es in hohen Zahlen, trotz totschweigen

Suizide gab es schon immer und wird es immer geben. 2021 gab es laut dem Statistischen Bundesamt in Deutschland 9215 Suizide. Das heißt, über 25 Personen wählen täglich in Deutschland den Suizid.

Die Unwissenheit und die Ignoranz der Gesellschaft finde ich echt grenzwertig. Unsere Gesellschaft ist sowas von ambivalent. Was stimmt denn nicht?! Es ist doch ganz egal, was das auslösende Ereignis oder der Gedanke war, weiß doch eh niemand, denn in andere Köpfe kann niemand reinsehen. Ein Mensch hat sich dafür entschieden, sein Leben zu beenden, Punkt.

 Fakt ist, dass eine Krankheit vorangegangen ist. Niemand suizidiert sich aufgrund einer Situation, es steht ein Leben und ein Innerstes dahinter. Ein Mensch, der sich suizidiert, ist immer krank und hat es nicht geschafft, es zu erkennen UND sich die notwendige Unterstützung zu holen.

Die ersten Tage nach dem Suizid wurden mir einige  Nachrichten bzw. Artikel angezeigt, mit einer Schockmeldung, dass seine Mutter trauert. Ich klickte nicht darauf. Das Wort „Schockmeldung“ machte mich stinksauer.  Im Ernst jetzt? Soll seine Mama Freudensprünge machen? Das Kind, das sie neun Monate unter ihrem Herzen trug, fand keinen Weg im Leben klarzukommen und es ist eine „Schockmeldung“ dass die Mutter bestürzt ist?! Das nenne ich Menschlichkeit. Was würden sie schreiben, wenn… – Nein, warum muss überhaupt darüber geschrieben werden?! Warum wird darauf geklickt?

Menschen möchten etwas von Promis erfahren, an deren Leben teilnehmen. Mal abgesehen von der Motivation dahinter so einen Einblick zu bekommen, es sind Menschen, die ein Recht auf ein Privatleben haben, das sollten alle respektieren. Solange wir heuchlerisch auf die Frage „Wie geht es dir“ mit einem unreflektierten „gut“ antworten, sollten wir erstmal das Glashaus um uns rum wahrnehmen. Wer nicht ehrlich zu sich selbst ist, kann es auch nicht zu seinem Gegenüber sein. Wie denn dann zur ganzen Welt?!

Wie schwer ist es denn, der Familie oder Freunden von einer Trennung, einer Scheidung, einer Kündigung oder sonst einer erschütterten Krise zu berichten? Doch von Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, erwarten wir…, erwarten wir was?!

Was erwarten wir?

Nehmen wir nur mal eine Trennungen. Lächelt jemand  danach, war alles nicht ernst und es nimmt jemand alles auf die leichte Schulter. Ist jemand traurig, hat er sich nicht im Griff oder war abhängig von der anderen Person. Ist jemand gefasst, ist er gleich beherrscht oder gefühlskalt. Schützt jemand sein Innerstes (wozu Gefühle definitiv zählen), grenzt er jemand aus oder ist gebrochen. Zeigt jemand seine Gefühle, ist jemand zu offen. Also wie soll denn ein Mensch sein, wenn nicht menschlich?! Menschen haben Probleme, und zwar jeder. Die Frage ist nur, ob der Mut da ist, sie zu betrachten, dazuzustehen und vielleicht sogar darüber zu kommunizieren. Egal um welche Sorgen es geht: Wenn Probleme nicht angesehen werden und die Gefühle immer wieder verdrängt werden, dann können sie in eine psychische Erkrankung übergehen.

Also wenn sich nächstes Mal jemand  suizidiert, egal ob prominent oder nicht. Vielleicht sollten statt Gerüchte und Theorien, eher Worte des Bedauerns, der Sprachlosigkeit oder des Mitgefühls ausgesprochen werden. Klärt auf und akzeptiert nicht den Mist und den romantischen Irrglauben in Sachen Suizid, den euer Umfeld von sich gibt. Damit beginnt die Veränderung in der Gesellschaft, mit dir!

Wie traurig ist das denn… So viele Angehörige sagen, dass sie nichts gemerkt haben, immer so eine gute Laune da war. Welche  Anstrengung muss es erfordern, um so im Alltag/Leben zu funktionieren? Welche Kraft muss es kosten, so ein Bild nach außen zu wahren, obwohl das Innerste ganz anders aussieht und die Zehen sich in die Erde krallen, um nicht über die Klippe zu stürzen. Wie schwer ist es für die Angehörigen mit dem Suizid zu leben, auch sie benötigen und verdienen Herzensworte.

In Japan gibt es ein Sprichwort „Es ist leicht zu sterben, aber schwer zu leben.“, darin ist mehr Wahrheit als von den meisten Menschen erkannt wird.

Ein Mensch, der sich suizidiert, ist psychisch krank und ich spüre mein tiefstes Mitgefühl, dass das Licht für so viele sichtbar war, doch für den Betroffenen selbst nicht. Nein, keine Liebe kann groß oder stark genug sein, um einen Suizid zu verhindern, außer die Liebe zu sich selbst. Die in den dunkelsten Stunden dann ein Lichtsignal sendet und den Weg zu Fachleuten aufzeigt. Doch selbst dann gibt es keine Sicherheit oder Garantie. Kein Arzt, Therapeut, Psychologe, Psychiater oder anderes Fachpersonal kann einen Menschen heilen, sie können unterstützen, dass der Patient den Mut findet, sich selbst zu begegnen, zu sehen und an sich zu arbeiten. Doch mehr geht nicht.

Menschen sollten sich wieder menschlich begegnen und sich gegenseitig unterstützen, die beste Version seines Selbst zu manifestieren und zu werden.

Stephen „tWitch“ Boss hat wie viele andere große Künstler auf Showbühnen und Leinwänden geglänzt und gestrahlt. Dafür war es notwendig hart zu trainieren, manchmal die eigenen Grenzen zu überschreiten, um dadurch über sich selbst hinaus zuwachsen.  Auch wenn ich die Selbstbestimmtheit schätze und respektiere: Ich hätte es ihm und vielen anderen Künstlern (die den Suizid wählten) gewünscht, nicht für andere Menschen, sondern für sich selbst zu strahlen und dass der letzte Vorhang durch den natürlichen Prozess des Lebens fallen darf.

Bild von Andreas Glöckner auf Pixabay

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert